Warum nicht jeder „Coach“ werden sollte!

Ein Kommentar von Alex Schreiner. Coachings boomen: Nie war der Zuwachs auf einem Markt so groß wie unter Coaches. Egal, in welchem Bereich – von Persönlichkeitsentwicklung über Liebes-Experten bis hin zu Business-Trainern. Wer als Berater, Speaker oder Coach tätig ist, schwimmt auf der Welle des Erfolgs mit – zumindest momentan. Doch ist dieses Modell des „Coachings“, der (individuellen) Hilfen von allen Seiten auf lange Sicht tragfähig?

Vielleicht kennst du Werbungen dieser Art: „Wie ich in nur zwei Monaten 324.356,45€ verdient habe – und wie du das auch schaffen kannst.“ Der Trick ist simpel wie gewieft: Klickst du auf eine solche Werbung, wirst du nicht selten zu einer Bewerbung für ein persönliches „Coaching“ aufgefordert. Es strahlt Exklusivität aus, sorgt für den Eindruck von individueller Betreuung.

Dass dahinter lediglich eine Marketing-Masche steckt und das Coaching letzten Endes einen Betrag im mittleren vierstelligen Bereich kostet, erfährst du erst später.

Und, sind wir mal ganz ehrlich: Kaum ein seriöser „Coach“ muss so vorgehen, um seine Strategien an den Mann oder die Frau zu bringen.

Was hier passiert, ist nichts weiter, als die Umsetzung einer einmal erlernten Marketing-Strategie für die eigenen Zwecke. Dass man sich dazu als „Coach“ ausgibt oder womöglich selbst sieht, bleibt nur ein notwendiges Übel.

Doch auch neben diesem Klassiker gibt es zahlreiche weitere Fälle, in denen das grundsätzlich sinnvolle Prinzip eines „Coachings“ oder einer Beratung ausgenutzt werden, um lediglich selbst davon zu profitieren.

Der Ratgeber, der keinem hilft

Ich habe einmal einen Satz gelesen, der womöglich die Keimzelle der modernen und größtenteils selbsternannten Coaching-Szene bildet:

„Liest du drei Bücher zu einem bestimmten Thema, bist du Experte.“

Das klingt erst einmal verführerisch: Immerhin haben wir als Experten stets jemanden im Kopf, der womöglich studiert oder zumindest jahrelange Erfahrung auf einem speziellen Fachgebiet hat.

Drei Bücher dagegen scheinen fast schon lachhaft nah am eigenen Wissensstand. Konkret bedeutet das: Die meisten Menschen sind nur im Schnitt neunhundert Seiten im Taschenbuchformat davon entfernt, ein Fachmann auf einem bestimmten Gebiet zu sein – ohne Vorwissen vorweisen zu können.

Was aber bedeutet das für die eigene Zukunft? Da wir in einer Informations- oder Wissensgesellschaft leben, nichts Gutes – zumindest mit Blick auf die Allgemeinheit: Hat jemand eine Sache „erlernt“ und seine drei Bücher gelesen, kann er dieses Wissen theoretisch selbst auf dem Markt anbieten. Doch zu welchem Preis?

Ich zeige dir, wie du ein Atomkraftwerk baust! Oder doch nicht?

Nehmen wir diese These einmal wörtlich: Drei Bücher, und man ist Experte.

So schnell kann’s gehen. Theoretisch könnte man also nun als Experte den Markt betreten und sein Wissen stetig weiterverbreiten. Doch ganz ehrlich: Würdest du von mir als Drei-Buch-Experte ein Coaching zum Bau von Atomkraftwerken in Anspruch nehmen, bloß weil ich darüber „gelesen“ habe? Wohl kaum.

Doch genau so funktioniert der heutige Markt der Coaches, Berater und „Life-Hacker“. Die wenigsten der am Markt tätigen Coaches haben eine versierte Ausbildung als solche durchlaufen – von beruflicher Grundkenntnis ganz zu schweigen.

Mir sind bereits Finanzratgeber untergekommen, die selbst bis zum Hals in Schulden steckten. Dennoch waren sie, aufgrund ihrer Lektüre von Bodo Schäfer, Tony Robbins und Co. ausgewiesene Experten auf ihrem Gebiet.

Mir haben bereits die dünnsten Spargeltarzane versucht, Muskelaufbau-Präparate zu verkaufen – obwohl sie scheinbar bei ihnen selbst nicht funktionierten.

Dieses Schema lässt sich auf jegliche Bereiche ausweiten: Beziehungsunfähige Liebescoaches, „Influencer“-Coaches mit gekauften Followern, Agentur-Aufbau-Coaches ohne eigene Agentur oder Werbe-Know-How und so weiter und so fort.

Was hat all das aber nun mit dir zu tun? Womöglich bist du gar kein Coach oder Berater, aber spielst mit dem Gedanken, jener zu werden.

Das Einzige, was ich mit diesem Artikel einmal ansprechen möchte, ist: Bevor du losgehst, und anderen Menschen „unter die Arme greifst“ und dein Wissen verkaufst – sammle selbst mehr Erfahrung! Wenn du eine Sache studiert, gelernt oder zumindest jahrelange Erfahrung vorweisen kannst, dann bist du eine Hilfe für andere Menschen.

Daher kommt die Positionierung als Coach für viele zu früh. Gerade als Freelancer kannst du mit deinen Dienstleistungen so viel verdienen und bewirken, dass du das „Coaching“-Business erst einmal hintan stellen kannst.

Fokussiere dich auf dein Daily-Business und weite dieses so intensiv wie möglich aus. Erst, wenn du das geschafft hast, ein Team in deinem Rücken weißt, das dich stützt, und dich persönlich bereit fühlst, anderen Menschen Ratschläge zu geben, solltest du auch damit beginnen.

Lass‘ die Szene abkühlen!

Und, eine Bitte: Verzichte als „Coach“ auf amerikanische Trends. Was meine ich genau damit? Beispielsweise der „Online-Agentur-Aufbau“-Service à la „Wie du dir deine eigene Online-Agentur ohne Vorwissen aufbaust“.

Sind wir mal ehrlich: Benötigt diese Welt noch mehr Werbeagenturen, die nach eigenen Angaben kein Vorwissen haben? Wie soll so etwas funktionieren? Würdest du von einer solchen Agentur eine Dienstleistung in Anspruch nehmen? Eher nicht.

Daher: Als Coach hast du eine Verantwortung. Du solltest Menschen langfristig helfen können – und nicht auf’s schnelle Geld pochen. Du bist als Coach ein Mentor, der nicht nur auf die eigene Abrechnung und die Gewinne schauen sollte.

Coache also nicht, weil’s gerade trendy ist. Coache nur dann, wenn du das tiefe persönliche Interesse verspürst, Menschen helfen zu wollen.

Erst, wenn dir auch im deutschsprachigen Raum diese Dinge gelernt haben, wird sich der Berater- und Trainer-Markt wieder normalisieren. Und ich persönlich hoffe, dass das schon bald der Fall sein wird.

Jetzt bist du gefragt: Wie siehst du diese Coach- und Berater-Szene? Und welche Bedeutung hat eine solche Tätigkeit für dich als Freelancer? Schreib‘ deine Meinung in die Kommentare und wir kommen in den Austausch!

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